Warum immer mehr Deutsche ihre Lebensversicherung kündigen – und was stattdessen schlauer ist

Zinsen, Inflation, neue Prioritäten: Viele Deutsche hinterfragen ihre Lebensversicherung. Wann Kündigen schlau ist und was die Alternativen sind.

Warum immer mehr Deutsche ihre Lebensversicherung kündigen – und was stattdessen schlauer ist
Lena Kirchhoff · (akt. 15. mai 2026)
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Lebensversicherung kündigen oder verkaufen – was unter dem Strich oft die klügere Alternative ist

Wer seine Lebensversicherung loswerden möchte, denkt meist zuerst an die Kündigung. Das wirkt einfach: Vertrag beenden, Rückkaufswert auszahlen lassen, fertig. Genau an diesem Punkt verlieren viele Versicherte jedoch Geld. Denn bei einer Kündigung fallen oft Kosten ins Gewicht, und der ausgezahlte Betrag liegt nicht selten deutlich unter den eingezahlten Beiträgen – vor allem in den ersten Jahren.

Verbraucherschützer raten deshalb seit Jahren dazu, Alternativen zu prüfen. Eine davon ist der Verkauf der Police auf dem Zweitmarkt. Dabei übernimmt ein spezialisiertes Unternehmen den Vertrag, zahlt Ihnen in vielen Fällen mehr als den Rückkaufswert und führt die Police bis zum Ablauf weiter. Nach Angaben des Bundesverbands Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL) kann der Verkauf im Einzelfall wirtschaftlich attraktiver sein als die direkte Kündigung.

Warum immer mehr Deutsche ihre Lebensversicherung kündigen – und was stattdessen schlauer ist

Für Sie heißt das: Vergleichen lohnt sich. Prüfen Sie vor jeder Unterschrift mindestens drei Optionen – kündigen, beitragsfrei stellen oder verkaufen. Gerade bei älteren kapitalbildenden Lebens- und Rentenversicherungen kann der Unterschied schnell einige hundert oder sogar tausend Euro betragen.

KündigungSie erhalten den Rückkaufswert, der oft unter den Erwartungen liegt.
VerkaufKäufer zahlen häufig einen Aufschlag auf den Rückkaufswert.
BeitragsfreistellungDer Vertrag bleibt bestehen, ohne dass Sie weiter einzahlen.

Die Verbraucherzentrale formuliert es nüchtern: Wer vorschnell kündigt, verzichtet womöglich auf bessere Lösungen. Genau deshalb sollte die Kündigung nie der automatische erste Schritt sein.

So prüfen Sie den Rückkaufswert richtig – und erkennen, ob sich eine Kündigung überhaupt lohnt

Bevor Sie Ihre Lebensversicherung kündigen, sollten Sie den aktuellen Rückkaufswert schwarz auf weiß anfordern. Entscheidend ist nicht, was Sie einmal eingezahlt haben, sondern was der Versicherer heute tatsächlich auszahlt. Diese Summe hängt unter anderem von Abschluss- und Verwaltungskosten, der bisherigen Laufzeit, Überschussbeteiligungen und dem Garantiezins ab.

Ein häufiger Fehler: Versicherte vergleichen nur Einzahlung und Auszahlungsbetrag. Sinnvoller ist ein breiterer Blick. Fragen Sie Ihren Versicherer nach einer aktuellen Standmitteilung und lassen Sie sich zusätzlich den Wert bei Beitragsfreistellung nennen. Wenn die Police vor 2005 abgeschlossen wurde, können auch steuerliche Vorteile eine Rolle spielen, die Sie bei einer Kündigung verlieren.

Der Bund der Versicherten weist regelmäßig darauf hin, dass gerade ältere Verträge wegen höherer Garantiezinsen oft wertvoller sind, als es der erste Blick auf den Rückkaufswert vermuten lässt. Ich würde deshalb immer diese Punkte prüfen:

  • Wie hoch ist der garantierte Rückkaufswert aktuell?
  • Welche Überschüsse sind bereits zugeteilt?
  • Wie entwickelt sich die Ablaufleistung, wenn Sie den Vertrag nur stilllegen?
  • Gibt es steuerliche Nachteile bei einer sofortigen Auszahlung?
  • Ist ein Policendarlehen als kurzfristige Liquiditätslösung möglich?

Wenn der Rückkaufswert enttäuschend niedrig ist, spricht das nicht automatisch für die Kündigung – oft eher dagegen. Dann sind Verkauf oder Beitragsfreistellung die wirtschaftlich vernünftigeren Wege.

Welche Alternative passt zu Ihrer Situation? – Kündigung, Beitragsfreistellung, Verkauf oder Widerruf im Vergleich

Nicht jede Lösung passt zu jedem Vertrag. Wer kurzfristig Geld braucht, entscheidet anders als jemand, der nur seine monatliche Belastung senken möchte. Genau deshalb lohnt ein klarer Vergleich der Handlungsoptionen.

Kündigung

Die Kündigung beendet den Vertrag endgültig. Sie bekommen den Rückkaufswert ausgezahlt und verlieren den Versicherungsschutz. Das ist meist die schnellste, aber nicht automatisch die beste Lösung.

Beitragsfreistellung

Wenn Sie Beiträge sparen möchten, aber den Vertrag nicht aufgeben wollen, kann die Beitragsfreistellung sinnvoll sein. Die Police läuft mit reduzierter Leistung weiter. Das schont Liquidität und erhält mögliche Vorteile des Altvertrags.

Verkauf auf dem Zweitmarkt

Beim Verkauf erhalten Sie häufig mehr als bei einer Kündigung. Laut BVZL kommen vor allem klassische kapitalbildende Lebensversicherungen infrage, die bestimmte Mindestwerte erfüllen. Nicht jede Police ist geeignet, aber die Anfrage ist meist unverbindlich.

Widerruf

Bei bestimmten älteren Verträgen kann auch ein sogenannter Widerrufsjoker möglich sein – etwa wenn die Widerrufsbelehrung fehlerhaft war. Der Europäische Gerichtshof und der Bundesgerichtshof haben dazu mehrfach verbraucherfreundlich entschieden. Das ist ein Spezialfall, der juristische Prüfung braucht, finanziell aber deutlich attraktiver sein kann als eine normale Kündigung.

  • Für schnelle Auszahlung: Kündigung oder Verkauf prüfen
  • Für geringere Monatslast: Beitragsfreistellung
  • Bei alten Verträgen mit möglichem Formfehler: Widerruf rechtlich prüfen lassen

Was Sie vor der Entscheidung konkret tun sollten – eine kurze Checkliste gegen teure Schnellschüsse

Aus meiner Sicht verlieren viele Versicherte nicht wegen des Vertrags Geld, sondern wegen einer überhasteten Entscheidung. Ein sauberer Vergleich dauert oft nur wenige Tage und kann finanziell viel ausmachen. Deshalb lohnt eine kleine Checkliste, bevor Sie kündigen.

  1. Fordern Sie beim Versicherer den aktuellen Rückkaufswert und die Folgen einer Beitragsfreistellung an.
  2. Fragen Sie bei einem seriösen Ankäufer an, ob Ihre Police für den Zweitmarkt geeignet ist.
  3. Prüfen Sie das Abschlussdatum: Altverträge können steuerlich oder wegen des Garantiezinses besonders wertvoll sein.
  4. Lassen Sie bei älteren Policen prüfen, ob ein Widerruf rechtlich möglich ist.
  5. Vergleichen Sie nicht nur die Sofortauszahlung, sondern auch den Verlust von Schutz, Zinsen und Steuervorteilen.

Seriöse Orientierung bieten die Verbraucherzentrale, der Bund der Versicherten und Fachanwälte für Versicherungsrecht. Wenn Ihnen ein Anbieter eine besonders schnelle Lösung ohne transparente Berechnung anbietet, wäre ich vorsichtig. Gerade bei Lebensversicherungen ist die bequemste Entscheidung oft nicht die klügste.

Was Sie mitnehmen sollten: Wer seine Lebensversicherung kündigen will, sollte nie nur auf die schnelle Auszahlung schauen. Verkauf, Beitragsfreistellung oder in Einzelfällen sogar Widerruf können finanziell die bessere Alternative sein. Der klügste Schritt ist fast immer der Vergleich.

Lena Kirchhoff
Über den Autor

Lena Kirchhoff

Journalistin und Gründerin von MortalRemains.de – spezialisiert auf Gesellschaft, Verbraucherthemen und Alltagswissen.

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